Wenn eine Per­son die gesam­te IT trägt: Struk­tu­rel­le Risi­ken im klei­nen Mit­tel­stand

In vie­len mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men liegt die Ver­ant­wor­tung für die gesam­te IT-Infra­struk­tur bei einer ein­zi­gen Fach­kraft. Das ist kei­ne Aus­nah­me, son­dern Nor­ma­li­tät.

Die­se Per­son admi­nis­triert Ser­ver und Cli­ents, betreut Anwen­dun­gen, beant­wor­tet Sup­port-Anfra­gen, küm­mert sich um Daten­si­che­rung, Netz­werk und Tele­fo­nie. Sie ist Ansprech­per­son für Dienst­leis­ter, führt Beschaf­fun­gen durch, doku­men­tiert – wenn Zeit bleibt – und soll neben­bei die Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit im Blick behal­ten.

Das Pro­blem dabei ist nicht die fach­li­che Kom­pe­tenz. Das Pro­blem ist die struk­tu­rel­le Über­deh­nung.

Zwi­schen Betrieb und Wei­ter­ent­wick­lung

Der All­tag die­ser IT-Fach­kraft besteht aus Reak­ti­on. Ein Dru­cker funk­tio­niert nicht. Ein Pass­wort muss zurück­ge­setzt wer­den. Eine Kol­le­gin hat eine ver­däch­ti­ge E‑Mail geöff­net. Ein Update schlägt fehl. Die Geschäfts­füh­rung braucht kurz­fris­tig eine Aus­wer­tung.

Zwi­schen die­sen Anfor­de­run­gen bleibt wenig Raum für das, was eigent­lich not­wen­dig wäre: War­tung, Moni­to­ring, Doku­men­ta­ti­on, Sicher­heits­maß­nah­men, stra­te­gi­sche Pla­nung.

Not­wen­di­ge Updates wer­den ver­scho­ben, weil sie Risi­ken ber­gen und Abstim­mung erfor­dern. Sicher­heits­richt­li­ni­en exis­tie­ren auf dem Papier, wer­den aber nicht kon­se­quent umge­setzt. Die Doku­men­ta­ti­on ist lücken­haft, weil sie als Zusatz­auf­ga­be gilt, nicht als Teil des Betriebs.

Das ist kei­ne Nach­läs­sig­keit. Es ist die Kon­se­quenz aus einer Struk­tur, die zu viel auf zu weni­ge Schul­tern legt.

IT im klei­nen Mit­tel­stand ist häu­fig reak­tiv statt gestal­tend. Nicht weil Kom­pe­tenz fehlt, son­dern weil Kapa­zi­tät fehlt. War­tung, Sicher­heit und Doku­men­ta­ti­on blei­ben auf der Stre­cke – nicht aus Nach­läs­sig­keit, son­dern aus struk­tu­rel­ler Über­las­tung.

Die unter­schätz­te Last: Ver­ant­wor­tung ohne Rück­halt

Was in der Auf­ga­ben­be­schrei­bung sel­ten auf­taucht, aber täg­lich mit­schwingt: die­se eine Per­son trägt die ope­ra­ti­ve Ver­ant­wor­tung für alles, was mit IT zusam­men­hängt. Ohne Ver­tre­tung, ohne Spar­rings­part­ner, ohne Rück­fal­l­e­be­ne.

  • Wenn ein Sicher­heits­vor­fall ein­tritt, wird sie gefragt, war­um die Sys­te­me nicht geschützt waren.
  • Wenn ein Back­up fehl­schlägt, wird sie gefragt, war­um nie­mand es bemerkt hat.
  • Wenn ein Pro­jekt schei­tert, wird sie gefragt, war­um sie nicht frü­her gewarnt hat.

Die­se Ver­ant­wor­tung ist real. Sie ist aber nicht abge­bil­det – weder in der Stel­len­be­schrei­bung noch im Gehalt noch in den Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen.

Vie­le IT-Fach­kräf­te in die­ser Posi­ti­on arbei­ten am Limit. Nicht aus Über­ei­fer, son­dern weil das Sys­tem es ver­langt. Bis sie kün­di­gen, aus­bren­nen – oder bei­des.

Was pas­siert, wenn die­se Per­son aus­fällt

Urlaub, Krank­heit, Fort­bil­dung – in den meis­ten Unter­neh­mens­be­rei­chen sind das plan­ba­re Ereig­nis­se. In der inter­nen IT eines klei­nen Mit­tel­ständ­lers wer­den sie zum Risi­ko.

Wenn die ein­zi­ge IT-Fach­kraft zwei Wochen nicht erreich­bar ist, gibt es in der Regel kei­nen Ersatz. Kein Back­up-Team, kei­ne doku­men­tier­ten Pro­zes­se, kei­ne Über­ga­be. Der Betrieb läuft wei­ter – bis etwas nicht mehr läuft.

Noch kri­ti­scher wird es bei unge­plan­ten Aus­fäl­len. Eine län­ge­re Erkran­kung, ein plötz­li­cher Wech­sel, eine Kün­di­gung. In die­sen Momen­ten zeigt sich, wie abhän­gig ein Unter­neh­men von einer ein­zel­nen Per­son gewor­den ist.

Denn in den sel­tens­ten Fäl­len exis­tiert eine gepfleg­te Doku­men­ta­ti­on. Pass­wör­ter lie­gen in per­sön­li­chen Noti­zen. Sys­tem­kon­fi­gu­ra­tio­nen sind im Kopf gespei­chert. Netz­werk­struk­tu­ren wur­den ein­mal auf­ge­baut und nie schrift­lich fest­ge­hal­ten.

Zwei Bei­spie­le aus unse­rer Pra­xis:

Bei der Über­nah­me eines Kun­den stell­te sich her­aus, dass der bis­he­ri­ge IT-Ver­ant­wort­li­che sämt­li­che Unter­neh­mens­zu­gän­ge in einem pri­va­ten Pass­wort-Vault gespei­chert hat­te. Nach des­sen Kün­di­gung war die­ser Vault für das Unter­neh­men nicht mehr zugäng­lich. Die Fol­ge: ein auf­wän­di­ger Reco­very-Pro­zess und ein voll­stän­di­ger Neu­auf­bau der Zugangs­ver­wal­tung.

In einem ande­ren Fall fan­den wir sämt­li­che Zugangs­da­ten in einem Word-Doku­ment auf einem loka­len Rech­ner. Unver­schlüs­selt, unge­schützt, ohne Ver­sio­nie­rung. Das ist kei­ne Doku­men­ta­ti­on. Das ist eine Ein­la­dung – für inter­ne Feh­ler eben­so wie für exter­ne Angrei­fer.

Bei­des sind kei­ne Ein­zel­fäl­le. Es ist die logi­sche Kon­se­quenz, wenn für Doku­men­ta­ti­on und Wis­sens­ma­nage­ment schlicht kei­ne Zeit bleibt – und kei­ne Struk­tu­ren exis­tie­ren, die über die ein­zel­ne Per­son hin­aus­rei­chen.

Was bleibt, ist eine Lücke. Und die Fra­ge, wie lan­ge es dau­ert, sie zu schlie­ßen – wenn sie sich über­haupt voll­stän­dig schlie­ßen lässt.

War­um mehr Per­so­nal kei­ne Lösung ist

Die nahe­lie­gen­de Ant­wort auf Über­las­tung lau­tet: mehr Kapa­zi­tät schaf­fen. Eine zwei­te Fach­kraft ein­stel­len, viel­leicht eine drit­te. Ein klei­nes IT-Team auf­bau­en.

In der Theo­rie klingt das schlüs­sig. In der Pra­xis schei­tert es an meh­re­ren Stel­len.

Zunächst am Bud­get. Vie­le Unter­neh­men mit 30, 40 oder 50 Mit­ar­bei­ten­den haben schlicht kei­ne Mit­tel für eine zusätz­li­che Voll­zeit­stel­le in der IT. Die Kos­ten für Gehalt, Sozi­al­ab­ga­ben, Wei­ter­bil­dung und Arbeits­platz sum­mie­ren sich schnell auf einen sechs­stel­li­gen Betrag pro Jahr. Und das für eine Funk­ti­on, die im Tages­ge­schäft häu­fig als Kos­ten­stel­le wahr­ge­nom­men wird – nicht als Wert­schöp­fung.

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Dann am Markt. Der Fach­kräf­te­man­gel in der IT ist doku­men­tiert und spür­bar. Qua­li­fi­zier­te Fach­leu­te für Admi­nis­tra­ti­on, Sicher­heit oder Sys­tem­tech­nik sind schwer zu fin­den. Für klei­ne Mit­tel­ständ­ler, die mit Kon­zer­nen und IT-Dienst­leis­tern um die­sel­ben Talen­te kon­kur­rie­ren, ist die Aus­gangs­la­ge beson­ders ungüns­tig.

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Und selbst wenn eine Ein­stel­lung gelingt: Eine ein­zel­ne zusätz­li­che Per­son löst das struk­tu­rel­le Pro­blem nicht. Die Abhän­gig­keit ver­schiebt sich ledig­lich. Statt einer über­las­te­ten Fach­kraft gibt es zwei, die sich die­sel­be Über­las­tung tei­len.

Mehr Per­so­nal ist kein Aus­weg aus einem Modell, das auf Über­deh­nung basiert. Es braucht eine ande­re Struk­tur.

Die Rol­le des exter­nen Part­ners

Wenn inter­ne Kapa­zi­tä­ten dau­er­haft nicht aus­rei­chen und zusätz­li­ches Per­so­nal kei­ne rea­lis­ti­sche Opti­on ist, stellt sich die Fra­ge nach exter­ner Unter­stüt­zung.

Die Ant­wort dar­auf ist nicht tri­vi­al. Denn die Zusam­men­ar­beit mit einem Sys­tem­haus kann ent­las­ten – oder neue Abhän­gig­kei­ten schaf­fen. Der Unter­schied liegt im Modell.

Ein exter­ner Part­ner, der ledig­lich auf Zuruf reagiert, löst kei­ne struk­tu­rel­len Pro­ble­me. Er behan­delt Sym­pto­me. Die Ver­ant­wor­tung bleibt beim Unter­neh­men, die Über­las­tung beim inter­nen Per­so­nal. Und mit ihr das Risi­ko.

Anders ver­hält es sich, wenn ein Sys­tem­haus ech­te Betriebs­ver­ant­wor­tung über­nimmt. Nicht als Dienst­leis­ter im Hin­ter­grund, son­dern als tra­gen­der Teil der IT-Struk­tur. Mit defi­nier­ten Zustän­dig­kei­ten, doku­men­tier­ten Pro­zes­sen und ver­läss­li­cher Erreich­bar­keit.

Der ent­schei­den­de Punkt: Mit dem Über­gang der Betriebs­ver­ant­wor­tung geht auch das Risi­ko über. Nicht auf dem Papier, son­dern in der ope­ra­ti­ven Rea­li­tät. War­tung, Moni­to­ring, Sicher­heit, Com­pli­ance – die­se The­men lie­gen dann bei jeman­dem, der die Kapa­zi­tät hat, sie zu tra­gen. Und die Struk­tu­ren, um sie nach­weis­bar zu erfül­len.

Hin­zu kommt ein Effekt, der häu­fig unter­schätzt wird: Was ein pro­fes­sio­nel­ler IT-Dienst­leis­ter intern bereits eta­bliert hat, wirkt beim Kun­den sofort. Secu­ri­ty Base­lines, sys­te­ma­ti­sches Moni­to­ring, ein­heit­li­che Doku­men­ta­ti­ons­stan­dards – die­se Struk­tu­ren müs­sen nicht erst auf­ge­baut wer­den. Sie sind vor­han­den und wer­den auf die Kun­den­um­ge­bung ange­wen­det. Ein Qua­li­täts­sprung, der intern Jah­re dau­ern wür­de.

Für die inter­ne IT-Fach­kraft – sofern vor­han­den – bedeu­tet das nicht Bedeu­tungs­ver­lust, son­dern Ent­wick­lung. Auf­ga­ben las­sen sich sinn­voll auf­tei­len. Die ope­ra­ti­ve Last sinkt, der fach­li­che Aus­tausch mit dem Dienst­leis­ter schafft neue Per­spek­ti­ven. Wer bis­her reagie­ren muss­te, kann begin­nen, zu gestal­ten.

Für die Geschäfts­füh­rung ent­steht ein wei­te­rer Vor­teil: Trans­pa­renz. Ein ver­ant­wort­lich han­deln­des Sys­tem­haus lie­fert kla­re Aus­sa­gen zum Zustand der IT, zu offe­nen Risi­ken und zu not­wen­di­gen Maß­nah­men. IT-Bud­gets wer­den plan­bar. Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen basie­ren auf doku­men­tier­ten Grund­la­gen, nicht auf Bauch­ge­fühl.

Für Unter­neh­men ohne eige­ne IT-Fach­kraft bedeu­tet ein sol­ches Modell, dass Ver­ant­wor­tung abge­ge­ben wer­den kann – an jeman­den, der sie tra­gen kann und will.

Die Ent­schei­dung für einen exter­nen Part­ner ist kei­ne Ent­schei­dung gegen die eige­ne IT. Sie ist eine Ent­schei­dung für Risi­ko­re­duk­ti­on durch belast­ba­re Struk­tu­ren.

Ein Systemhaus, das echte Betriebsverantwortung übernimmt, verändert die Risikostruktur. Wartung, Monitoring und Sicherheit liegen bei jemandem, der dafür Kapazität und Strukturen hat. Für die Geschäftsführung bedeutet das: planbare Budgets, transparente Zustände, nachvollziehbare Entscheidungen.

Wor­an Sie erken­nen, dass es eng wird

Die Über­las­tung der inter­nen IT kün­digt sich sel­ten laut an. Sie zeigt sich in Details, die im Tages­ge­schäft leicht über­se­hen wer­den.

Pro­jek­te, die seit Mona­ten auf der Agen­da ste­hen, aber nie star­ten. Updates, die ver­scho­ben wer­den, weil gera­de kei­ne Zeit ist. Neue Soft­ware, die ohne Abstim­mung ein­ge­führt wird, weil der offi­zi­el­le Weg zu lan­ge dau­ert.

Mit­ar­bei­ten­de, die sich eige­ne Lösun­gen suchen – pri­va­te Cloud-Diens­te, loka­le Datei­samm­lun­gen, Tools außer­halb der IT-Struk­tur. Nicht aus Bös­wil­lig­keit, son­dern aus Prag­ma­tis­mus. Schat­ten-IT ent­steht dort, wo die offi­zi­el­le IT nicht mehr Schritt hält.

Stei­gen­de Unzu­frie­den­heit im Team. Beschwer­den über lan­ge Reak­ti­ons­zei­ten, über ver­al­te­te Sys­te­me, über feh­len­de Unter­stüt­zung. Nicht immer aus­ge­spro­chen, aber spür­bar.

Und schließ­lich: eine IT-Fach­kraft, die kei­nen Urlaub mehr nimmt. Oder die kün­digt.

Kei­nes die­ser Zei­chen ist für sich genom­men ein Beweis. Aber in der Sum­me erge­ben sie ein Bild. Und wer die­ses Bild erkennt, steht vor einer Ent­schei­dung.

Die Fra­ge ist nicht, ob Hand­lungs­be­darf besteht. Die Fra­ge ist, ob gehan­delt wird, bevor die Situa­ti­on eska­liert – oder erst danach.

Verschobene Projekte, Schatten-IT, steigende Unzufriedenheit – die Warnsignale sind oft leise. Wer sie erkennt, hat noch Handlungsspielraum. Wer sie ignoriert, reagiert erst unter Druck.

Ein­ord­nung für die Geschäfts­füh­rung

IT-Ver­ant­wor­tung im klei­nen Mit­tel­stand ist struk­tu­rell unter­fi­nan­ziert – nicht aus Nach­läs­sig­keit, son­dern aus gewach­se­ner Pra­xis. Eine Fach­kraft für alles, prag­ma­ti­sche Lösun­gen, kur­ze Wege. Das funk­tio­niert, solan­ge nichts pas­siert.

Doch die Anfor­de­run­gen stei­gen. Regu­la­to­rik, Sicher­heits­be­dro­hun­gen, tech­no­lo­gi­scher Wan­del – all das trifft Unter­neh­men mit 50 Mit­ar­bei­ten­den genau­so wie Kon­zer­ne. Nur ohne deren Res­sour­cen.

Ent­schei­dend ist die Fra­ge, wer in Ihrem Unter­neh­men tat­säch­lich die Kon­trol­le über die IT hat.

Wenn eine ein­zi­ge Per­son sämt­li­che Zugän­ge ver­wal­tet, alle Sys­te­me kennt und allein ent­schei­det, wel­che Infor­ma­tio­nen nach oben gelan­gen – dann liegt die Abhän­gig­keit nicht bei der Tech­nik. Sie liegt bei die­ser Per­son. Und bei der Art, wie die­se Per­son mit exter­nen Part­nern umgeht, wel­che Emp­feh­lun­gen sie aus­spricht, wel­che sie zurück­hält.

Das ist kei­ne Unter­stel­lung. Das ist eine struk­tu­rel­le Rea­li­tät, die in vie­len Unter­neh­men unaus­ge­spro­chen bleibt.

Wer die Geschäfts­füh­rung ver­ant­wor­tet, trägt auch die Ver­ant­wor­tung für den IT-Betrieb – unab­hän­gig davon, wer ihn ope­ra­tiv steu­ert. Haf­tung für Daten­schutz­ver­stö­ße, für Sicher­heits­vor­fäl­le, für Betriebs­un­ter­bre­chun­gen lässt sich nicht dele­gie­ren. Aber sie lässt sich auf ein belast­ba­res Fun­da­ment stel­len.

Der ers­te Schritt ist, die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Nicht an die IT. An sich selbst.

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